The commonplace I sing”

by Anne Faucheret

Introductory essay • Common Grounds. A Project for the public space by Irena Eden and Stijn

Lernout realised in 2021 • Edited by Irena Eden & Stijn Lernout • Schlebrügge Vienna • 2023

 

 

 

“THE COMMONPLACE.

The commonplace I sing;

How cheap is health! how cheap nobility!

Abstinence, no falsehood, no gluttony, lust;

The open air I sing, freedom, toleration,

(Take here the mainest lesson—less from books—less from the schools,)

The common day and night—the common earth and waters,

Your farm—your work, trade, occupation,

The democratic wisdom underneath, like solid ground for all.”

 

„DAS, WAS UNS VEREINT.

Das, was uns vereint, besinge ich;

Wie einfach ist Gesundheit! Wie einfach alles Edle!

Enthaltung, nichts Falsches, keine Völlerei, keine Wollust;

Die frische Luft besinge ich, Freiheit, Toleranz,

(Lerne, von dem, was ist – nicht aus Büchern – nicht von der Schule,)

vom gemeinsamen Tag, der gemeinsamen Nacht,

der Erde und dem Wasser, von deinem Feld, deiner Arbeit,

dem Handel, der Beschäftigung, der du nachgehst,

von ihnen lerne die demokratische Weisheit für uns alle,

die uns verbindet, wie der feste Boden unter uns.“

– Walt Whitman, „The Commonplace“ (Leaves of Grass, 1891–1892)[1]

 

„Wir sind so erschüttert von den Veränderungen, welche die

Regionen, in denen wir leben, durchlaufen, und das Fehlen jeder

ernsthaften politischen Perspektive ist so eklatant, dass wir es nicht

schaffen, aufzustehen, um in Ruhe unseren Blick auf das zu richten,

was für jede:n Einzelne:n, für die Ökologie von Kollektiven und

Gemeinschaften wirklich wichtig ist. […] Die Ökologie des Wissens

sollte unsere täglichen Erfahrungen beinhalten und ausschlaggebend

für unsere Entscheidungen darüber sein, wo wir leben wollen und

welche Erfahrung wir als Gemeinschaft machen möchten. Wir müssen

kritisch gegenüber dieser Idee der Menschheit als eines homogenen

Ganzen sein, für die Konsum einen ausschlaggebenden Platz in den

Beziehungen einnimmt.“

– Ailton Krenak, Ideias para adiar o Fim do Mundo, 2019[2]

 

„Können wir uns vorstellen, unser Leben auf der Grundlage von

Beziehungen zu anderen Wesen, unter anderem Tieren, Gewässern,

Pflanzen und Bergen neu zu gestalten – Beziehungen, die durch

den Bau von Robotern in großem Maßstab mit Sicherheit zerstört

werden? Das ist der Horizont, den uns der Diskurs und die Politik der

Gemeingüter heute eröffnet: Nicht das Versprechen einer unmöglichen

Rückkehr zur Vergangenheit, sondern die Möglichkeit, dass wir die

Macht zurückerlangen, unser Schicksal auf der Erde gemeinsam zu

bestimmen. Das nenne ich die Wiederverzauberung der Welt.“

– Silvia Federici, Re-enchanting the World: Feminism and the Politics

of the Commons, 2018[3]

 


Eine doppelte Bedrohung schwebt heute über allen Formen des Lebens und der gemeinsamen Existenz: jene des erneuten Aufflammens des Faschismus und die Gefahr einer globalen Umweltkatastrophe. Sie hat das gleiche enorme Ausmaß wie der ganze Apparat der Globalisierung, der mittels politischer Entscheidungen, wirtschaftlicher Mechanismen und medizinisch-technisch-industrieller Konstrukte den Raubbau an (natürlichen) Ressourcen, die Ausbeutung der (menschlichen und nichtmenschlichen) Arbeit, die Verdinglichung des Lebens und die Zerstörung der Umwelt betreibt.

Dieser spätkapitalistische Apparat stellt Verbindungen bis in die kleinsten Verästelungen her, führt andererseits aber auch Isolationen herbei: Die globalisierte Kommunikation, Vernetzung und Logistik führt paradoxerweise zu einer Verarmung der sozialen Beziehungen, lässt sie brüchig werden und beschränkt sie auf einige unumgängliche Bereiche des Lebens, hauptsächlich auf die Familie und Unternehmen. Mehr noch, der neoliberale Kapitalismus beraubt die Menschen ihres Handlungsvermögens (agency) und des Bewusstseins einer gemeinsamen Verantwortung für die Welt, indem er die historische Solidarität zwischen Menschen und anderen Spezies und die Formen der Fürsorge, die zusammen mit der Handelswirtschaft aus dem System des Gebens und Nehmens hervorgingen, in den Hintergrund treten lässt. Die repräsentative Demokratie, wo immer sie vorhanden ist, vermittelt zusammen mit dem herrschenden System die Illusion von Beziehungen, die auf Verantwortungsbewusstsein beruhen und sinnstiftend sind.

 

Wie können wir wieder soziale Verbindungen herstellen?

 

Wie können wir (wieder) Gemeingüter aufbauen[4] oder neu beleben[5]?

 

Wie können wir die Welt neu bewohnen?

 

Welche Ideen und Ansätze gibt es, um das Ende hinauszuzögern[6]? Der durch diese Fragestellungen eröffnete Horizont erfordert einen radikalen Richtungswechsel, der nur durch die Zivilgesellschaft und unabhängige Organisationen eingeleitet werden kann, wie bereits der Philosoph und Theologe Ivan Illich[7] erklärte, der zuvor festgestellt hatte, dass die Bildungs-, Kultur- und Sozialeinrichtungen, die der Staat und die öffentlichen Körperschaften schaffen und verwalten, zwar für die Entstehung eines sozialen Gewebes sorgen sollten, in Wirklichkeit aber nur kommerzielle Beziehungen und Dominanzverhältnisse hervorbringen. Wirtschaftliches Nullwachstum, Zusammenleben in der Gesellschaft und ökologische Solidarität, die von der Zivilgesellschaft, insbesondere von Künstler:innen und Aktivist:innen, getragen wird, bieten Werkzeuge für den Abbau eines tödlichen Systems, indem sie auf der Grundlage breiter angelegten Reformmethoden konkrete soziale und künstlerische Ansätze verbinden, die auf die Entstehung neuer Formen der Kreativität und der Kreislaufwirtschaft, des Teilens und Verwaltens, der Debatte und des Verantwortungsbewusstseins hinarbeiten.

 

Solche temporären Formen entwickeln Irena Eden und Stijn Lernout mit ihrem Projekt Common Grounds, einer Serie von neun Veranstaltungen im öffentlichen Raum in Wien, die im September 2021 zwischen zwei Corona–Wellen stattfanden. Der in der Mehrzahl stehende Titel ist ein Verweis auf die vielschichtige sprachliche Bedeutung des Ausdrucks und die Bereitschaft der Künstler:innen, diese auszuloten. In der Einzahl bezeichnet common ground in der gängigsten Bedeutung in einer Diskussion den gemeinsamen Nenner, die gemeinsame Grundlage, auf der man eine Debatte führen kann, in der dann auch unterschiedliche Standpunkte vertreten werden. Im weiteren Sinne bezeichnet der common ground das gemeinsame Verständnis im Sinne einer fast anthropologischen Fähigkeit, in einer Gemeinschaft zu leben – was sowohl die Voraussetzung für unser Überleben als auch ein unmöglich zu verwirklichendes Ideal ist. Und schließlich ist, in einem ganz wörtlichen, aber auch poetischen Sinn, der common groundder Boden unter unseren Füßen, den wir teilen, die Erde, auf der wir leben, das, was Walt Whitman als commonplace bezeichnet. Das Projekt Common Grounds basiert auf all diesen und vielen weiteren Bedeutungen.

 

Für jede Veranstaltung der Reihe – die in Form einer Diskussion, einer Filmvorführung, einer Performance oder einer Lesung stattfinden kann – wurde ein Schlüsselwort gewählt, das stellvertretend für ein Thema oder einen Ansatz steht, den die geladenen Teilnehmer:innen und das Künstler:innenduo gemeinsam definierten. Schließlich entsteht eine subjektive, nicht erschöpfende, aber deshalb nicht weniger aussagekräftige Konstellation rund um die Begriffe common grounds und commons: Widerstand, Umraum | Wohnen, Fragilität, Unterwegssein, Solidarität, Veränderung, Kooperation, Nähe, Angst. 

 

Diese thematische Konstellation geht mit einer räumlichen Konstellation einher, wobei jede Veranstaltung in einem anderen Bezirk der österreichischen Hauptstadt stattfindet. Die Künstler:innen achteten darauf, Räume wie größere und kleinere Plätze zu finden, welche die Menschen überqueren, wo sie aber auch verweilen, Räume ohne Konsumzwang, die eher am Rande von Geschäftsbereichen angesiedelt sind. Die Vielfalt der Formen, Themen, Orte und Profile der Beteiligten – Künstler:innen, Architekt:innen, Soziolog:innen, Dramaturg:innen und Forscher:innen – ermöglicht auf Projektebene einen multidisziplinären, aber nicht systematischen, einen pluralistischen, aber immer subjektiven, einen organisierten, aber nicht vorgefertigten Ansatz, der einen offenen Raum für die horizontale Zirkulation von Wissen, für unterschiedliche Formen der Teilnahme, für Serendipität und Überraschungen schafft. Es geht nicht darum, Expert:innen einzuladen, damit diese aufklärerisch oder politisierend tätig werden, sondern vielmehr darum, eine Polyphonie von einzelnen Stimmen zu ermöglichen und die Chemie ihre Wirkung tun zu lassen – oder auch nicht.

 

Ein einfacher und großzügiger Rahmen und eine ebensolche Dramaturgie unterstützen die Interventionen, bei denen Gastfreundschaft und Geselligkeit im Mittelpunkt eines Projekts stehen. Die mobile Küche und ihre Sitzmöbel, die von dem Duo entworfen wurden, prägen einen Raum, in dem die gemeinsame Mahlzeit, die von Stijn Lernout vor Ort gekocht wird, ein Schlüsselmoment ist, ebenso wie die Intervention und die Diskussion, die manchmal auf diese folgt. Irena Eden und Stijn Lernout schaffen autonome, temporäre Räume für ein gemeinsames Erleben und die Voraussetzungen für absichtliche oder zufällige Begegnungen zwischen den Organisator:innen, den Beitragenden und einem vielfältigen Publikum, das sich je nach Abend aus Interessierten, Anwohner:innen, Neugierigen oder vielleicht auch aus Menschen zusammensetzt, die sich in einer prekären Situation oder in Isolation befinden. Der herrschenden Gleichgültigkeit und dem Desinteresse setzt das Projekt sich neu bildende (Ver-)Bindungen entgegen.

 

Diese (Ver-)Bindungen entstehen durch die Reaktivierung des Bewusstseins einen Ort zu bewohnen und ihn nicht nur zu durchzuqueren, wie es Silvia Federici beschreibt, wenn sie von der Fähigkeit zur Bildung von „Kommunalbeziehungen“ (communal relations) spricht, von der Notwendigkeit, das „Leben auf ‚dieser Menschheitserde’ nicht als Fremde:r oder als Eindringling zu führen, wie der Kapitalismus sich das wünscht, sondern wie in einem Zuhause“[8]. Der urbane Raum ist der Raum für das Leben in der Gemeinschaft schlechthin.

 

Doch da dieser seit Jahrzehnten unter dem Beschuss von Kommerzialisierung, Privatisierung und Fragmentierung steht, hat er sich mittlerweile in einen abstrakten Raum des Transits und des Konsums verwandelt. Das Projekt Common Grounds ist ein Anstoß, die Beziehungen im öffentlichen Raum neu zu gestalten, indem es versucht, für einen Abend nachbarschaftliche Beziehungen oder Widerstand gegen die Isolation aufleben und Solidarität auf der lokalen Ebene des Viertels Gestalt annehmen zu lassen. Die gelebte Solidarität in Nachbarschaften im Gegensatz zum Diskurs über den viel beschworenen nationalen sozialen Zusammenhalt ist eines der Themen, mit denen sich der Soziologe und Forscher im Bereich sozialer und antirassistischer Bewegungen Niki Kubaczek[9] beschäftigt. Zwei Projekte beschäftigen sich mit der Art und Weise, wie der städtische Raum besetzt wird – durch Einzelpersonen oder Gruppen, in der Vergangenheit oder in der Zukunft –, je nachdem, ob dieser Raum privat oder öffentlich ist, ob er einem Haus oder einer Institution zugeordnet wird. Ein Dialog zwischen Architektur und Soziologie mit Simon Andreas Güntner und Christiane Feuerstein versucht, die Auswirkungen der Aneignung von Raum auf die Struktur sozialer Beziehungen – insbesondere von Nachbarschaften – sowie auf die Art und Weise, wie urbane Räume bewohnt und gestaltet werden, zu ermessen.[10] Die Anthropologin Elisabeth Oberzaucher fragt sich in einem Vortrag über Evolutionsbiologie, welche Vorkehrungen angesichts der Herausforderungen der Zukunft – Klimakrise und sozialer Prekarisierung – in Form von räumlichen Überlebensstrategien wir treffen müssen, wobei insbesondere die Zusammenarbeit und das Zusammenleben in öffentlichen Räumen neu überdacht werden sollen.[11] Durch die Schaffung temporärer realer Raumalternativen und die kollektive Bildung möglicher zukünftiger Räume lädt Common Grounds uns dazu ein, neue Orte aufzubauen, standardisierte Begegnungsmuster in bestimmten Räumen durch die Interaktion mit anderen Körpern und Objekten neu zu gestalten und sich der Tatsache bewusst zu werden, dass scheinbar isolierte Probleme oder Konflikte in Wirklichkeit auch von anderen geteilt werden.

 

Wie bewohnt und schafft man Raum auf einer anderen Grundlage als jener der Passivität und Enteignung? Dies ist eine der Fragestellungen, die sich durch das Projekt Common Grounds ziehen. Und auch die grundlegende Fragestellung des marxistischen und existenzialistischen Soziologen Henri Lefebvre, der sich in seinen Untersuchungen mit der Urbanisierung der Gesellschaft und der Entfremdung der zeitgenössischen Formen des Lebens beschäftigt. Seiner Meinung nach tragen die Abstraktion, die Fragmentierung, also die Aufteilung des Raums in vermarktbare Teile, sowie die Homogenisierung des Raums – der Marktwert des Raums ist wichtiger als der Gebrauchswert und nivelliert letzteren – im Kapitalismus zur Veränderung des Alltagslebens bei, das zum Ort einer sorgfältig überwachten Ausbeutung und Passivität der Gesellschaft wurde und seine Fähigkeit zur Produktion des Raums (production de l’espace) verloren hat. Lefebvre schlägt vor, den „Umgang mit Raum“ und „Bilder des Raumes“ durch „alternative Raumvorstellungen“ umzugestalten, wo künstlerische Aktivitäten und Ansätze, die sich hier frei von herrschenden Ordnungen und Diskursen entfalten können, die bestehenden sozialen Beziehungen in Frage stellen und einen Raum schaffen, in dem neue Beziehungen entstehen können. Alternative Raumvorstellungen gehören in den Bereich des Imaginären, des Spekulativen, der Erinnerung und der Veränderung der Wahrnehmung. Sie erscheinen wie eine Fluchtlinie, die sich oberhalb des bestehenden kapitalistischen Raums abzeichnet. Der Film Erste Landschaft # Mirka von Miriam Bajtala[12]versucht, durch Erzählung und Erinnerungen die Bilder der Außenwelt an innere Landschaften anzunähern und die Verflechtung von gemeinsamen und individuellen Erinnerungen zu ergründen. Hannah Binders Performance[13]reaktiviert kindliche Ängste und hinterfragt narzisstische Triebe, Herdeninstinkte, kapitalistischen Individualismus und existenzielle Einsamkeit. Hinter diesen Projekten zeichnen sich neue Wege ab, wie wir die Stadt und die Welt bewohnen können, nicht um uns persönlich zu retten, sondern vielmehr, um die Entstehung einer radikalen, sich vorantastenden Vorstellungswelt zu unterstützen und einen Widerstand gegen die allgegenwärtige Standardisierung und Kommerzialisierung aufzubauen.

 

Seit dem frühen 20. Jahrhundert – und vor allem seit den späten 1960er Jahren – hat die politisch engagierte Kunst eine tragende Rolle in spekulativen wie auch zeitweise in aktivistischen Protestformen gespielt. Als Künstler:innen in den 1990er Jahren ihre Studios verließen und Projekte im sozialen Raum ansiedelten, um sie für Kollaboration und Partizipation zu öffnen, nahm die politisch engagierte Kunst eine Wende. Mit dem partizipatorischen Ansatz verfolgen Irena Eden und Stijn Lernout in Common Grounds, aber auch in ihrer künstlerischen Praxis im Allgemeinen eine Neugestaltung der traditionellen ästhetischen Beziehung zwischen Künstler:in, Werk und Publikum, mit der sie anderen die Möglichkeit geben, sich einzubringen und in die Realität einzumischen. Sie sehen sich in ihrer Position als Künstler:innen eigentlich in folgenden Rollen: als Anstiftende von Situationen[14], als Produzent:innen, als Ko-Produzent:innen, aber auch als Forscher:innen, als Vermesser:innen, als Beobachter:innen. Ihre Arbeiten sind fragmentarische oder diskontinuierliche Projekte, die im Laufe von Reisen, Erforschungen des Terrains und einer Zusammenarbeit entstehen, die sich über einen längeren oder kürzeren Zeitraum erstrecken kann, aber in ihrer räumlichen Anordnung – abgesehen von Veröffentlichungen – flüchtig sind, da sie das punktuelle Ergebnis einer Verknüpfung verschiedener Kräfte und agencies in einem gegebenen Kontext sind. Das Publikum betrachtet nicht mehr, sondern trägt zur Gestaltung bei oder wird, a posteriori, zu Lesenden. Die Partizipation löst nicht nur die klassische Situation der Rezeption auf, sondern sie baut auch strukturelle ästhetische Kategorien wie Autonomie, Uneigennützigkeit und künstlerische Distanz ab. Die partizipative Kunst, wie sie von dem Duo praktiziert wird, versucht, neue Formen des Zusammenseins und der Gemeinschaft als einer Ansammlung von singulären Personen neu zu erfinden, die das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Künstler:innen und Teilnehmer:innen ist und nicht bereits vor dieser existiert. Sie beruht nicht auf den üblichen Kriterien der Identitäts- oder Kulturzugehörigkeit, sondern vielmehr auf Formen der Einbindung von Besonderheit, Situationen und dem Zufall. Die Arbeit Common Grounds stellt sowohl einen künstlerischen wie auch einen politischen Ansatz dar. Politisch deshalb, weil sie eine bestimmte – temporäre – Struktur des Kollektivs vorschlägt und weil sie – auf andere Art und Weise – Politik macht, da Partizipation ein Anstoß für die Bildung unabhängiger Organisationsmodelle ist.

 

Selbstorganisation ist einer der Prüfsteine der praktischen und theoretischen Ansätze im Bereich der Commons, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Commons bezeichnen sowohl materielle und immaterielle Ressourcen, Erfahrungen, Emotionen und Affekte als auch neue Organisationsformen, die Alternativen zu den Regelmechanismen des Privateigentums, der Marktwirtschaft oder der Nationalstaaten bieten. Sie haben eine lange Geschichte, traten aber vor einigen Jahrzehnten markant als Gegenstrategie zu den Systemen der Individualisierung und Neoliberalisierung in den Vordergrund. Durch neue Formen der Selbstorganisation, der Selbstverwaltung und der Zusammenarbeit mit der Welt und ihren Lebensformen traten sie als Instrument im Kampf gegen politische und wirtschaftliche Raubzüge auf. 

 

Anstatt (fast) verlorenen Commons und einer vermeintlich „natürlichen“ und „ursprünglichen“ Verbindung zwischen Menschen, Räumen und Ressourcen nachzutrauern, die durch die Bewegung der Einhegung (enclosures) und der Vereinnahmung zerstört wurde, ist das Projekt Common Grounds bescheiden auf verschiedene zeitlich begrenzte Arten und Größenordnungen von gemeinsamem Erleben ausgerichtet und erzeugt ein Gefühl von Gemeinsamkeit. Diese Ansätze beinhalten offen politische Versuche, Commons und zukünftige gemeinsame Herausforderungen neu zu definieren oder Räume zu besiedeln[15]. Sie sind auch die Grundlage für gemeinsame Erfahrungen, die zu Geselligkeit im etymologischen Sinne von „sich dazugesellen“ führen. Solche Erfahrungen sind gemeinsames Essen, Filmschauen[16], Musikhören[17] oder die Erzählung von Traumata, Leiden oder Emotionen, die Mitgefühl im wahrsten Sinne des Wortes „mit jemandem fühlen“ auslösen – und dies im Rahmen von Interventionen, die Stress[18], Resilienz, Angst[19] und Verletzlichkeit[20] thematisieren. 

 

Diese Praktiken gemeinsamer Erfahrung tragen zur Identifikation und zur Entstehung eines gemeinsamen Sinns bei, während sie gleichzeitig gängige Werte verändern und spezifische räumliche und soziale Beziehungen entstehen lassen. Die gemeinsame Nutzung von Räumen, Gütern, Zeit und Wissen führt zur Entstehung neuer Formen der Übernahme von Verantwortung als Bürger:in, zu alternativen Lebensweisen und sogar zu Entwürfen von (Gegen–)Macht. Common Grounds schuf zweifellos kritisches Bewusstsein, ließ vielleicht auch den Wunsch entstehen, gemeinsam zukünftige Welten zu errichten, aber, was noch viel wichtiger ist, es ermöglichte den Austausch von Vorstellungen und Erfahrungen und schuf die Voraussetzungen dafür, dass die Menschen sich zumindest zeitweilig mit ihren gemeinsamen Anliegen und Wünschen beschäftigten. Das Projekt füllt weder eine Lücke in der Repräsentation noch bildet es eine Organisation – es versteht sich ausdrücklich und bewusst nicht als kritische Agitation, sondern ist im Vorfeld davon angesiedelt, im Augenblick der gemeinsamen Zusammensetzung von common grounds, im Moment der Anerkennung von Unterschieden in ihrer Eigenschaft als Unterschieden.

 


„Wir sind nicht gleich, und das ist wunderbar, wir sind wie Konstellationen.

Die Tatsache, dass wir Räume miteinander teilen, dass wir

zusammen reisen, bedeutet nicht, dass wir dieselben sind; es bedeutet

jedoch, dass wir uns viel eher gegenseitig von unseren Unterschieden

anziehen lassen, als von der Tatsache eines Status der gemeinsamen

Zugehörigkeit zu dieser Idee der Menschheit.“

– Ailton Krenak, Ideias para adiar o Fim do Mundo, 2019

 

„Die gemeinsame Welt muss aufgebaut werden, so einfach ist das.

Sie ist nicht schon da, irgendwo versteckt in einer Natur, in einem

Universalismus, verborgen unter den zerknitterten Schleiern von

Ideologien und Überzeugungen, die man angeblich nur beiseite

schieben muss, um zu einer Einigung zu kommen. Sie muss erarbeitet,

geschaffen und verankert werden.“

– Bruno Latour, Il n’y a pas de monde commun: il faut le composer, 2011

 

„[Wir] müssen heute wieder die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben

nähren, dessen Eckpfeiler wir erst noch erfinden müssen, dessen

Reichtum wir aber schon jetzt feststellen. Die soziale Zusammenarbeit,

die Zirkulation von Wissen, das Teilen von Ressourcen, die Produktivität

der miteinander in Verbindung gebrachten Intelligenz — kurz gesagt,

alles, was das Gegenteil des nackten Lebens an sich ist: Ein politisch

und sozial wertvolles Leben, die Erfindung unserer selbst und der

anderen, die Erfindung von uns selbst durch andere – das ist etwas,

was man überall verwirklichen kann. Es geht nur darum zu entscheiden,

wer künftig diese enorme Menge an Wert, die wir gemeinsam

herstellen, regieren wird und wie die künftigen Institutionen aussehen

werden. Vielleicht in Form einer Pascalschen Wette: Der Wette auf

eine neue Universalität, die vollständig aufgebaut werden muss, der

Wette auf eine Politik der Gemeinsamkeit aller, die auch eine Ethik der

Unterschiede ist.“

– Judith Revel, Construire le commun. Une ontologie, 2011[21]


Notes:

[1] Walt Whitman, “The commonplace” , in: Leaves of Grass. Philadelphia: DavidMcKay 1891–1892, S. 419. Deutsche Übersetzung dieses und der folgendenfremdsprachigen Zitate von Isolde Schmitt.
[2] Ailton Krenak, Ideias para adiar o Fim do Mundo. São Paulo:Companhia das Letras 2019.
[3] Silvia Federici, Re-enchanting the World: Feminism and the Politics of theCommons. Oakland: Kairos / PM Press 2018.
[4] Siehe Bruno Latour, „Il n’y a pas de monde commun: il faut le composer“,Multitudes 45, 2/2011, S. 38–41. https://doi.org/10.3917/mult.045.0038
[5] Siehe Silvia Federici, Re-enchanting the World.
[6] Siehe Ailton Krenak, Ideias para adiar o Fim do Mundo.
[7] Ivan Illich, Tools for Conviviality. New York: Harper and Row 1973.
[8] Silvia Federici, Re-enchanting the World.
[9] SOLIDARITÄT / Vor der Nationalisierung des Zusammenhalts | Urbane Undercommons und der Kampf um die transversalen Verbindungen, Niki Kubaczek, Hernals (17. Bezirk).
[10] UMRAUM / WOHNEN / Wenn das Wohnzimmer zum Büro wird, Simon Andreas Güntner im Gespräch mit Christiane Feuerstein, Simmering (11. Bezirk).
[11] KOOPERATION / Homo urbanus – der Stadtmensch, Elisabeth Oberzaucher, Floridsdorf (21. Bezirk).
[12] NÄHE / Innere Landschaft, Prozesse des Erzählens und Erinnerns mit einem Screening des Films Erste Landschaft # Mirka, Miriam Bajtala, Donaustadt (22. Bezirk).
[13] ANGST / (++Advanced Plus++), Hanna Binder, Liesing (23. Bezirk).
[14] Wie sich der britische Künstler Jeremy Deller zum Beispiel definiert.
[15] Im Sinne des englischen Wortes: populate.
[16] Siehe den Film von Miriam Bajtala.
[17] Siehe die Klangperformance UNTERWEGSSEIN / Die Eroberung der Stadt, Kollektiv Weiter (Alexandra Pâzgu, Florian Kmet und Roman Blumenschein), Penzing (14. Bezirk).
[18] Siehe die Performance VERÄNDERUNG / Stress als Mittel zur Anpassung, Virginie Canoine, Döbling (19. Wiener Gemeindebezirk).
[19] Siehe die Performance von Hannah Binder.
[20] Siehe die Performance FRAGILITÄT / Transpositions, Iris Dittler, Hietzing(13. Bezirk).
[21] Judith Revel, „Construire le commun. Une ontologie“, transversal 08/2011:inventions. https://transversal.at/transversal/0811/revel/fr